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IN DER ZEITUNG

 

morgen  
"Leben, Tod und Essen: Das interressiert mich."

Daniel Spoerri über seine Kindheit in Rumänien, die Liebe zum Tanz, seine Fallenbilder als Antithese zur Kinetischen Kunst, das Museum in Hadersdorf und sein Projekt für Krems.

TEXT: THOMAS TRENKLER BILD: RITA NEWMAN

morgen: Sie wurden 1930 in Rumänien geboren, haben in der Schweiz, in Paris, in New York gelebt...

Daniel Spoerri: Und 13 Monate auf einer griechischen Insel. Ich habe in San Francisco, in Hamburg, Darmstadt, Köln, Düsseldorf, München und Berlin gelebt. Dann 20 Jahre in der Toskana und dann im Tessin. Und seit zwei Jahren lebe ich in Wien.

Als was fühlen Sie sich? Als Rumäne, Jude, Schweizer, Europäer, Kosmopolit?

Als ich in New York wohnte, sagte ich: „Ich bin ein New Yorker." Weil es keine New Yorker gibt. Alle sind von irgendwo her, alle sind Juden oder Schwarze. Es ist ein Mischmasch. Aber ich möchte nicht in New York wohnen. Ich würde mich als Mitteleuropäer bezeichnen. Diese Region hier: Die passt mir schon.

Warum wollten Sie gerade in Wien leben?

Sie tun so, als wäre Wien ein Vorstädtchen! Wien ist eine uralte Kulturstadt. Aus der Sicht von Galati - das ist der Ort, wo ich geboren bin - ist Wien bestimmt das Paris von Mitteleuropa. Ich habe lange Zeit gedacht, in Triest leben zu wollen. Aber ich musste feststellen, dass es das Triest, das ich in meinem Kopf hatte, nicht mehr gibt. Nämlich das Triest des Claudio Magris, das Triest des späten 19. Jahrhunderts. Ich wäre, wie in der Toskana, wieder nur im Italienischen gewesen - und oben im Karst sind die Slowenen. Das war mir sprachlich zu kompliziert. Hinzu kommt, dass ich in Wien sehr viele Leute kenne oder sie sehr schnell kennenlerne.

Mitte Juni haben Sie in der Nähe von Krems ein Ausstellungshaus und ein Esslokal eröffnet. Hadersdorf ist bisher nicht unbedingt als Kulturmetropole in Erscheinung getreten. Wie kamen Sie denn auf Hadersdorf?

Meine Assistentin Gabriele Fail kam auf Hadersdorf. Sie ist eigentlich Architektin. Sie sagte mir einmal, ich sollte alle meine Werke, die unter anderem bei meinem Gießer untergebracht waren, zusammenkriegen. Ich sagte zu ihr: „Du weißt aber nicht, wovon du sprichst! Ich hab sehr viel, ich hab in der Schweiz immer noch ein ganzes Lager voll." Und dann hat sie dieses ehemalige Klostergebäude in Hadersdorf entdeckt, weil sie eigentlich für sich selbst etwas suchte. Sie sagte: „Für uns ist das zu groß, aber für dich ist das fantastisch." So kam das Ganze ins Rollen.

Und dann haben Sie auch noch die ehemalige Poststation gekauft...

Das war meine Spinnerei. Die Poststation war eben auch zu haben. In der Toskana gibt es ja meinen Skulpturenpark, den „Giardino". Und weil es dort ein kleines Restaurant gibt, hab ich mich eben dazu entschlossen.

Sie hatten ja schon in den späten 1960er Jahren ein Restaurant.

Ja, das „Restaurant Spoerri" in Düsseldorf. Aber ich war nur zwei Jahre dabei. Dann ging ich wieder nach Frankreich zurück. Ich hielt es in dem Restaurant nicht mehr aus. Da war ich nur mehr der „Maitre de Plaisir". Um das Restaurant in Hadersdorf kann ich mich natürlich nicht mehr kümmern: Ich werde ja im nächsten März 80. Weil ich keine direkten Erben habe, wollen wir eine Stiftung gründen - wie wir es in Italien gemacht haben. Vielleicht können wir auch beide Stiftungen zusammenlegen.

morgen

Hadersdorf ist ein wirklich idyllischer Ort...

Ja, dieser wunderschöne Platz mit den alten Häusern drumherum. Wunderbar! Und genau dort zeige ich meine aggressiven Fallenbilder und Assemblagen! Das finde ich wirklich großartig: dass es dort im Klostergebaude so richtig donnert.

 

In Ihren Assemblagen verwenden Sie die unterschiedlichsten Dinge: Alltagsgegenstände, bizarre Objekte, Artefakte, Metallteile und so weiter. Finden Sie all diese Sachen selbst? Oder haben Sie Leute, die für Sie auf der Suche sind?

Nein, diese Gegenstände sehen die anderen nicht. Ich muss sie selber finden. Ich war jetzt gerade zwei Tage in Krems unterwegs. Denn ... Aber da muss ich jetzt die Vorgeschichte erzählen. 1962 erschien mein Buch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls". Darin beschrieb ich 80 Objekte auf einem Tisch. Und daraus entstand dann später das „Musee Sentimental": Ich erweiterte das Territorium auf eine ganze Stadt. Von 1977 an war ich an der Kunsthochschule in Köln. Ich war nie zuvor dort gewesen und so sagte ich zu den Studenten: „Kommt, wir erforschen einmal das Territorium!" Zuerst erstellten wir einen Stichwortkatalog: der Dom, der Rhein, der Karneval, Heinrich Böll, Eau de Cologne und so weiter. Und zu jedem Stichwort suchten wir uns dann ein anekdotisches Objekt. Anhand dieser Objekte - da waren sehr lustige darunter - erzählten wir die Geschichte der Stadt. Die Ausstellung hieß „Le Musee sentimental de Cologne". Sie wurde von Tausenden besucht. Nam June Paik sagte zu mir: „Wonderful exhibition! Never saw so many old women laughing."

In der Folge gab es ja noch einige solche „Musee Sentimental" -Ausstellungen: in Berlin zum Beispiel und in Basel. Und nun folgt Krems?

Ja. Hans-Peter Wipplinger, der Direktor der Kunsthalle ist, hat mich gefragt. Das kommt mir gelegen. Denn ich möchte ja mein Museum und das Esslokal in Hadersdorf bekannt machen. Durch ein solches „Musee sentimental" lernen mich die Leute kennen - und identifizieren sich dann eher mit mir, weil sie sehen, dass ich mich mit ihrem Territorium beschäftige. Wir haben schon vieles angeschaut, wir kamen ins Gespräch mit interessanten Menschen. Hier war früher die einzige Brücke zwischen Wien und Linz. Die Donau ist eine uralte Grenze. Und: Diese Konkurrenz zwischen den beiden Städten Krems und Stein ist interessant. Die Kunsthalle heißt „Kunsthalle Krems", obwohl sie sich auf dem Territorium von Stein befindet. Alles ist Krems. Nur die Haftanstalt heißt „Stein".

Auszug aus dem Artikel, erschienen in morgen Ausgabe 04/09

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