AB - ART AUSSTELLUNGSHAUS • Archiv



AUSSTELLUNGSHAUS • Aktuelle Ausstellung


François Morellet - Daniel Spoerri - Roland Topor


Variationen diverser Themen

Ausstellungsdauer: 20. März – 26. Juni 2016

kuratiert von Alexandre Devaux und Barbara Räderscheidt



Roland Topor - Grimace

Pressemitteilung zum Tod von François Morellet


(* 30. April 1926 in Cholet, Département Maine-et-Loire, Frankreich;
† 11. Mai 2016 ebendort)

Der französische Künstler François Morellet, einer der bedeutendsten Vertreter der geometrischen Abstraktion und des Minimalismus, ist am 11. Mai 2016 im Alter von 90 Jahren gestorben. (Zitat nach "Monopol Magazin", Datum: 11. 5. 2016)

Im Ausstellungshaus Spoerri in Hadersdorf am Kamp wird zur Zeit und noch bis zum 26. Juni 2016 die Ausstellung “François Morellet – Daniel Spoerri – Roland Topor ” gezeigt. Dabei werden von François Morellet unter anderem Arbeiten aus der Werkgruppe der "Trames" (Rasterbilder) präsentiert. Die Hadersdorfer Ausstellung steht unter dem Zeichen der Künstlerfreundschaft Morellets mit Daniel Spoerri.

Erst kürzlich, am 30. April, feierte François Morellet seinen 90. Geburtstag. Zu diesem Anlass wurden ihm noch weitere Ausstellungen gewidmet. Noch bis Ende Juli würdigt die "Galerie m" in Bochum (D) das Werk des französischen Künstlers mit einer Einzelausstellung – der zehnten in der "Galerie m" seit der ersten Schau 1971. The Mayor Gallery in London und Dan Galeria in São Paulo zeigen noch bis Ende Mai bedeutende Werke aus den 1960er und 1970er-Jahren. Die Galerie Annely Juda Fine Art in London zeigt noch bis zum 24. Juni neue Neon-Arbeiten und Gemälde des Künstlers. Bereits im März hatte die österreichische Galerie Ruzicska dem Künstler eine Schau zum 90. Geburtstag ausgerichtet. (Zitat nach "Monopol Magazin", Datum: 11. 5. 2016)

(Foto François Morellet: House of the Nobleman)

 



»TOPOR VERSTEHEN« von Daniel Spoerri


Schauen sie sich diese Zeichnung von Roland Topor an.
Auf den ersten Blick eine harmlose Strichzeichnung einer Rücken- ansicht eines dicken Mannes, der in seiner Hose einen Buben versteckt hat. Der Junge schielt nach links, hat den Mund offen, ruft er? Muss er vielleicht kotzen?

Erst auf den zweiten Blick versteht man; der Mund des Kleinen ist anstelle des Arschlochs des Mannes. Also wieder eine Schweinerei, wie üblich bei Topor. Es gibt aber eine Erklärung, wenn man unvoreingenommen weiterdenkt.

Ich zitiere Professor Dr. Hans Werner Ingensieb - Professor für Philosophie an der Universität Duisburg/Essen, Projektleiter an der Universität Lübeck: »Was heute unser After ist war ursprünglich der Mund. Wer dies nicht glaubt, kann in jedem Lexikon der Zoologie nachschlagen. Wir sind “Deuterostomier”, »Zweitmünder«, die den Urmund zum After gemacht haben. Ja, bis zum heutigen Tag zeigt die Embryonalenentwicklung der Wirbeltiere - auch des Menschen - noch immer diesen Vorgang. So wie sich die Pflanzen und Tiere in zwei große Äste trennten, so trennten sich die »Protostomier« - die »Vordermünder«-, die ihre ursprüngliche Mundöffnung beibehielten [….] von den Deuterostomiern.«

Was also auf den ersten Blick harmlos, auf den zweiten ekelhaft erscheint, ist bei einigem Nachdenken ganz logisch, und denkwürdig.

Nehmen wir ein anderes Aquarell »Trippa alla Fiorentina« (Kutteln nach Florentiner Art). Es stammt aus dem Portfolio, das er für meine Kuttelrezepte illustriert hat, die ich aus meinen Kochbüchern (750 Stück) kopiert habe. Ein schwebender Körper wird dargestellt, den er sozusagen von innen nach außen gestülpt hat, oder vielleicht anders interpretiert, den inneren Verdauungsweg vom Mund zum After, mit einem äußeren kurzgeschlossen hat; auf diese Weise einen Kreislauf andeutend.

Als ich dieses Aquarell als Illustration für meine Inszenierung an der Berliner Volksbühne vor etwa 20 Jahren von Roland Topors Stück »Leonardo hat´s gewußt« verwendete, gab es intern einen Skandal, dem ich aber standhielt.

 





Die Aufführung wurde mit diesem Plakat beworben; vom Publikum kam keine Skandalreaktion! Mit Recht denn, ich zitiere wieder: »Bereits der bedeutende Zoologe Georges Cuvier (1769-1832) zitierte den Menschen als Darmwesen, weil der Darm das eigentliche Zentrum unserer Organisation sei. Daher heisst es: »Für den Biologen beginnt der Darm bei der Mundöffnung und endet am After. […] Mehr noch als Hand, Herz, Gehirn, Auge, Ohr benötigen wir ausgerechnt den Darm. Denn seine Tätigkeit liefert unserem Körper Energie, während die übrigen Organe Energie verbrauchen. […] Er ist ein funktionelles Zentrum unseres Körpers, ein vorrangig wichtiges Organ.« Die tierischen Sinnesorgane gruppieren sich also um den Vorderpol des Darmes herum und es erscheint evolutionär betrachtet mehr als plausibel, dass nicht das geistige Ich, sondern der materialbedürftige Darm den Vorsitz im evolutionären Gestaltwandel der Tiere bis hin zum Menschen hatte.«

Dies sind nur zwei Bemerkungen wie Topor betrachtet werden kann und sollte! Er selbst sagte über sich: »Bei mir ist es das Lachen, das unangenehm ist.«
In der Tat hatte er ein lautes Lachen, bei dem man erstarrte.

Daniel Spoerri, 2016

 

   


Zitate aus: Dietrich von Engelhardt, Rainder Wild (Hg.), Geschmackskulturen, Vom Dialog der Sinne beim Essen und Trinken, Campus Verlag - Frankfurt am Main, 2005. Abbildungen: Roland Topor, Ohne Titel, Tusche auf Papier (Encre de Chine), Collection Van der Sanden, 17 x 23 cm. (Anne Tronche, L'art des années 1960 - Chroniques d'une scène parisienne, Edition Hazan, 2012).

 

 


 




 


       

François Morellet, »Ohne Titel«, Siebdruck auf Papier, Auflage 90 Exemplare, Plura Edizioni,Milan, 70 x 70 cm, 1975 Sammlung des Künstlers

 

François Morellet, »Ohne Titel«, Siebdruck auf Papier, Auflage 90 Exemplare, Plura Edizioni,Milan, 70 x 70 cm, 1975
Sammlung des Künstlers

       

 



Daniel Spoerri, »Künstlerpalette: Roland Topor«

   

Daniel Spoerri, »Künstlerpalette: Roland Topor«, Assemblage, 100 x 132 x 60 cm, 1990; Collezione Giuseppe Morra

   

 



»Monsters are inoffensive«

   

»Monsters are inoffensive«, Fluxus Postkarten-Edition mit 22 Collagen (schwarz/weiß), 1967
von Daniel Spoerri, RolandTopor, Robert Filliou (jeweils als »co-authors«);Photo:Vera Mercer / Mannequin:Annie la Rue

 

AUSSTELLUNGSHAUS | Kunststaulager Spoerri | Hauptplatz No.23 | A-3493 Hadersdorf am Kamp | +43 2735 20 1 94 | +43 664 884 547 87